Geschichte des Lebens

Schon wieder ist mein letzter Eintrag so lange her. Bin nun mittlerweile schon im 8. Monat. Umzug ist vorbei. Jetzt geht's ans Auspacken und den normalen Alltag wieder einkehren zu lassen. Mein Mann arbeitet wieder.
Endlich habe ich es geschafft bzw hat Gott es geschafft, mich von den Meinungen und Vorstellungen der Gesellschaft zu lösen. Zu seiner Ehre leben. Es ist egal, ob das durch Arbeit, Studium, Kinder oder Haushalt ist. Das habe ich gelernt und kann mit Freuden dazu stehen. Ich bin Hausfrau, Mama und Ehrfrau; ein Full-Time Job und genau das, wo ich meinen Platz und Aufgabe zurzeit habe. Ich hätte es nie gedacht, aber ich bin das alles gerne.
Eine Freundin meinte, ob ich nicht abends irgendwas machen sollte um ein Zertifikat zu haben. Doch wofür? Es würde bedeuten mehr Stress zu haben und weniger Zeit und Geduld für meine Kinder, meine Ehe und den Haushalt. Und nur um sagen zu können, ich hab was gemacht? Nein. Ist ja nicht so, dass ich nichts tue. Ich tue viel und das mit Herzen und Freude, auch wenn es nicht immer Spaß macht...
Ich möchte es nicht zu meinem Problem machen, dass Hausfrau und Mama nichts mehr wert ist in unserer Gesellschaft. Vor Gott ist es etwas wert. Alles andere ist nicht wichtig.
Für meine Kinder da sein, Zeit und Geduld haben, ein offenes Ohr haben, mit ihnen die Welt entdecken und sie fördern in den Dingen, in denen sie gut sind und in denen, in denen sie nicht gut und ängstlich sind.
Meinem Mann eine Ehefrau sein, die ihn lächelnd empfängt und nicht gestresst und genervt das Kind in die Arme drückt. Die ihm zuhört und die Zeit am Wochenende genießen kann, weil sie den Haushalt in Ordnung hat und nicht noch abends sich hinsetzen muss um zu lernen oder so müde ist von Kindern, Haushalt und arbeiten, dass sie nur noch schlafen will.
Ein Heim schaffen für eine funktionierende Familie. Eine harte und zeitintensive Aufgabe.
21.3.14 13:11


Teil 5

Sie sitzt neben ihm auf dem Stuhl und starrt auf dem Bildschirm. Sie fragt sich selbst, weshalb sie während des Spiels mit ihm schlechte Laune entwickelt. Sie ist genervt. Die Sprüche der anderen, die sie im HIntergrund wahrnimmt, stören sie. Die Lautstärke lässt sie in regelmäßigen Abständen zusammen zucken. Sie wird ausfallender als sonst und ist frustriert, wenn sie beim Spiel abgeschossen oder von der Fahrbahn gedrängt wird.
Er fragt nach dem Grund ihrer schlechten Laune.
"Keine Ahnung", sagt sie und ihr wird im gleichen Augenblick bewusst, dass es eine Lüge ist. Sie weiß warum, auch wenn sie es noch nicht wirklich erfassen kann. Ihr fällt ein, dass sie ihn schon einmal angelogen hat. Als es um das Bild den beiden Herzen ging. Sie hat mit sich gehadert, ob sie ihm ihre Gefühle sagen soll, aber sie ließ es bleiben.
Auch dieses Mal stellt sie die Lüge nicht richtig.
Kaum ist das Spiel zu Ende und greift nach dem Tabak und verlässt den Raum. Sie will flüchten vor den Leuten, vor den anderen, aber auch vor ihm. Zum ersten Mal will sie auch vor ihm und ihre Gefühle flüchten. Diese Tatsache erschreckt sie beinahe.
Sie geht nach draußen um eine zu rauchen. Die Kälte ignoriert sie. Doch während sie sich die Zigarette dreht, wünschst sie sich, dass er zu ihr kommt. Sich zu ihr gesellt und ihr in dieser Stimmung beiseite steht. Sie will sich ihre Zigarette schon anzünden, als sie sich umentscheidet. Sie geht wieder zurück in den Raucherraum. Sie will in seiner Nähe sein, aus der sie nur wenige Minuten später geflüchtet ist.
Er schaut nur kurz hoch, als sie hereinkommt und spielt dann weiter mit seinem Handy. Sie will noch zum Laden. Sie zögert, ob sie ihn fragen soll oder nicht, denn sie weiß, dass er schon da gewesen ist. Und vielleicht würde er nein sagen, gerade weil sie schlecht gelaunt ist. Irgendwann muss er sie doch zurückstoßen, wenn sie so drauf ist, wenn sie nicht lächelt und keine Sprüche reißt, wenn sie keinen Spaß versteht und wortkarg ist.
Dennoch nimmt sie ihren Mut zusammen und fragt ihn.
"Könnte ich machen", kommt aus seiner Ecke. "Dann kann ich mir noch nen Energy kaufen."
Sie nickt nur und drückt ihre Zigarette aus um im Zimmer sich anzuziehen.
Als sie zur Tür geht, wartet er mit einem Mädchen aus einem anderen Haus auf sie. Für einen Moment hat sie Angst, dass das Mädchen mitkommen will. Doch sie versucht sich zu beruhigen, dass es sie nur bis zu ihrem Haus begleiten wird.
Schweigend stapfen die drei durch den Schnee. Er scheint diese nicht zu mögen, denn er sagt auflachend: "Was für ne Stille."
Sie zieht ihren Kopf dichter in den Schal, während ihre Mütze beinahe die Augen verdeckt. Sie registriert im Augenwinkel, dass das Mädchen den Weg zu ihrem Haus einschlägt und wenig später verschwunden ist.
"Also", beginnt er das Gespräch. "Was ist los?"
Dieses Mal will sie die Lüge richtig stellen, auch wenn sie ihm nicht den Grund nennen will. "Ich hab dich angelogen."
"Wann?"
"Vorhin, als du gefragt hast, weshalb ich schlechte Laune hab und ich sagte, dass ich das nicht weiß. Mir saßen nur zu viele Leute drumherum."
"Dachte ich mir", murmelt er. Er sieht sie. "Und warum hast du schlechte Laune?"
Sie stutzt. Zum dritten Mal fragte er danach. "Ach", weicht sie aus. "Kommen einfach gerade die ganzen Selbstzweifel hoch..., zu dick, zu hässlich, etc."
Er lässt wieder sein ihr so vertrautes "Mmh" ertönen. "Ach komm." Diese zwei Worte klingen aufmunternd, als wolle er sagen, dass es nicht stimmen würde und selbst wenn, dass das nicht wichtig sei.
"Die Menschen sind sowieso viel zu oberflächlich", bemerkt er.
"Die meisten", stimmt sie ein wenig träge zu. Ihr Stimmung drückt auf ihre Stimme. Das Gefühl der Kraftlosigkeit überkommt sie.
"Man, ich hab eh keine Lust auf Beziehung", stellt er kurze Zeit später fest. Er zögert kurz, als sei ihm etwas eingefallen. "Andererseits kann einem eine Freundin auch echt unterstützen."
"Das kommt halt auf die Art der Beziehung an."
Er nickt zustimmend. "Na ja, aber letztendlich ist jeder Mensch immer nur auf der Suche nach etwas besserem. Er ist nie zufrieden."
Sie sagt ihm nicht, dass sie anderer Meinung ist. Dass sie nicht so ist. Dass sie, wenn sie liebt, zufrieden und glücklich ist. Wieso sollte sie etwas aufgeben, was gut ist und sie zufrieden macht? Wieso sollte sie diese Sicherheit aufgeben nur um das Risiko einzugehen, etwas Neues auszuprobieren?
Sie wartet draußen, während er sein Geld holt. Ihr kommen beinahe die Tränen. Sie dreht sich mit dem Rücken zur Tür, nur für den Fall, dass er heraus kommt. Sie will nicht weinen. Nicht jetzt. Nicht vor ihm. Das kann sie noch nicht.
Sie atmet ein paar Mal tief durch um sich zu beruhigen. Ärgerlich wischt sie sich die Träne ab, die sich im Augenwinkel verirrt hat.
Sie hört wie die Tür sich hinter sie öffnet und dreht sich um. Die Mütze zieht sie noch tiefer ins Gesicht, sodass sie kaum noch den Weg erkennen kann.
"Ach Mensch, was bedrückt dich so?" Seine Stimme klingt nach Anteilnahme und Interesse.
Sie weiß nicht, ob sie sich darüber freuen soll, dass er wieder nachfragt oder ob sie lieber flüchten würde, aus dem Wissen heraus, ihm den Grund weder nennen zu können, noch zu wollen und dennoch den Wunsch danach zu verspüren, diese Worte auszusprechen.
"Komm, raus damit. Was liegt dir auf der Seele?" Als sie immer noch schweigt, fängt er an Dinge aufzuzählen.
Am Ende seiner Aufzählung, schüttelt sie den Kopf. "Nein."
Er seufzt ohne dabei genervt zu klingen, als ob er sich einfach wünschen würde, dass sie sich ihre Last von der Seele redet. "Was ist es dann?"
Einen kurzen Moment überlegt und zögert sie. Doch ehe sie den Gedanken zu Ende führen kann, platzt sie heraus: "Man, weil ich mich dich verliebt hab!"
Für ein paar Sekunden herrscht Schweigen, aber es weder ein geschocktes noch unangenehmes Schweigen. Das Schweigen, das entsteht, wenn jemand das Gesagte erst einmal begreifen und verdauen muss.
"Oh man, was soll ich dazu sagen?"
"Nichts", antwortet sie und fühlt sich auf einmal erleichtert. Ihre Last, die sie so sehr beschwert hat, ist von ihr gewichen. Sie ist gespannt, wie er reagieren wird. Was nach seiner Frage kommen wird.
"Ach man, ich will keine Beziehung", sagt er. "Ich muss erst mal mein Leben auf die Reihe kriegen und mit mir selber klar kommen."
Sie schweigt. Nicht, weil sie ihm nicht antworten würde, sondern weil sie nicht weiß, was sie darauf antworten soll. Und sie wartet darauf, was ihre Gefühle ihr berichten. Sie wartet auf die Ablehnung von ihm und die verletzeten Gefühle, auf das Stechen in der Seele. Aber es geschieht nichts dergleichen.
Plötzlich grinst er sie und lacht. "Es wird nie wieder gezockt!"
Sie kann es kaum glauben, aber sie muss lachen. "Wehe! Ich will dich noch platt machen."
Er seufzt leise. "Man, wieso hast du das gesagt?"
Erstaunt sieht sie ihn an und grinst empört. "DU hast gefragt! Du hast mindestens 5 Mal nachgefragt!"
"Ich weiß", antwortet er ein wenig zerknirscht.
Sie lacht ihn an. Es ist ein ehrliches Lachen. "Tja, man sollte nur die Fragen stellen, deren Antwort man auch erträgt."
"Ich ertrage die Antwort ja."
"Kommste damit klar?" fragt sie. "Ich hab keine Lust, dass irgendwas zwischen uns steht"
"Kommst du damit klar?" lautet seine Gegenfrage.
Sie nickt. Ihre Stimme klingt neutral, als sie hinzufügt: "Ich bin das gewöhnt."
"Was?" Er sieht sie fragend an, doch sie weicht seinem Blick aus. "Abgewiesen zu werden?" fragt er und sie überlegt, ob seine Stimme tatsächlich ein wenig erstaunt klingt, als ob er das nicht glauben könne, oder sie sich das einbildet. Sie kommt zu keiner Antwort.
"Also kommst du damit klar?" fragte sie noch einmal.
"Klar!" Seine Antwort klingt ehrlich udn überzeugend. "Ich denk eher, dass du damit nicht klar kommst."
"Doch, doch. Meistens haben die Jungs damit mehr Probleme, als ich."
"Mmh." Einige Sekunden schweigen die beiden, bevor er hervorstößt: "Man, wieso hast du das gesagt?"
"War das jetzt etwa so eine große Überraschung für dich?"
"Nein, das ist es ja gerade, eben nicht."
Sie grinst. "Eben."
"Man, ja, aber jetzt ist es ausgesprochen worden. Warum ich? Warum? Du kennst mich doch! Du weißt wie krank ich bin." Seine Stimme klingt für sie ungläubig, ein wenig fassungslos, verzweifelt. So als ob er es nicht wirklich glauben kann, dass sie sich in ihn verliebt hat, obwohl sie ihn seiner schlimmsten Phase kennen gelernt hat. Dass sie sich verliebt hat, obwohl er krank ist. Und gleichzeitig, so scheint es ihr, hat er Angst vor ihren Gefühlen. Angst davor, was sie bei ihm auslösen.
Sie nickt und grinst ihn an. "Am Anfang hab ich auch gedacht: Oh nein, nicht so'n Wrack, das will ich nicht!"
"Ey", beschwert er sich. "Ich bin kein Wrack." Sie will etwas erwidern, doch sie spürt, dass er zögert, weil er etwas hinzufügen will, deshalb schweigt sie. "Okay, am Anfang war ich schon ziemlich drauf."
22.12.10 12:41


Teil 4

Sie steht mit ihm im Laden und ist nervös. Vor ihr steht Essen, sie soll aussuchen, was sie haben will. Die Entscheidung würde ihr schwer fallen, also hat sie keine Extrawünsche. Scham kriecht in ihr hoch, als sie bedient wird. Sie denkt daran, dass sie das Essen vor ihm essen wird. Es fällt ihr nicht mehr so schwer wie einst, da hätte sie nein gesagt, trotz, dass er sie einlädt und für sie bezahlt. Sie schaut zu ihm hoch, als gefragt wird, ob sie hier essen wollen. Sie will, dass er entscheidet. Sie kommt sich klein vor, sie sucht Schutz bei ihm in seiner Entscheidung.
Sie greift nach dem Essen, wartet bis er bezahlt hat und bedankt sich leise bei ihm. Das Bedanken fühlt sich komisch an, als wäre der Akt seines Bezahlens Selbstverständlichkeit, als wäre es nie anders gewwesen. Als wäre es nur natürlich, dass er das Essen für beide bezahlt. Sie fühlt sich geschmeichelt, aber es fällt ihr schwer es anzunehmen, ihr Herz für ihn zu öffnen.
Er will noch auf den Weihnachtsmarkt. Sie nickt und folgt ihm. Sie würde ihm überall hin folgen. Sie würde nicht nein sagen. Zu groß ist der Wunsch mit ihm zusammen zu sein, seine Nähe zu spüren, seine Stimme und Lachen zu hören. Nebeneinander her gehen sie zum Markt, bleiben kurz vorher stehen, damit er seinen Döner aufessen kann, weil er sich noch etwas anderes kaufen will.
Der Schnee lässt die Straße rutschig sein und sie krallt sich kurzweilig in seinen Jackenärmel fest, als es drei Schritte abwärts geht, aus Angst auszurutschen. Sie warnt ihn vor, dass sie ihn berühren wird. Denn sie weiß, dass er körperliche Nähe nur bedingt zulassen mag und dieser meist aus dem Weg geht. Doch er lässt es zu. Lässt sie gewähren, ohne dass er vor ihr zurück zuckt.
Als er sich in die Schlange am Stand einreiht, steht sie ein wenig abseits und wartet. Kurz treffen sich ihre Blicke und sie lächelt leicht. Sie möchte bei ihm stehen. Neben ihm warten und reden. Aber dann würden andere denken, dass sie ein Par wären. Sie wünschte, dass dem so wäre. Sie möchte trotz allem, trotz der Ängste und der Vergangenheit, der Krankheit und dem Charakter, mit ihm zusammen sein. Doch in seiner Nähe und die Blicke der anderen, die davon ausgehen, würde ihr nur noch mehr bewusst werden, dass ihr Wunsch nicht der Wahrheit entspricht. Dass sie nicht mit ihm zusammen ist. Dass sie zu viel Angst davor hat, ihre Gefühle zu offenbaren.
Sie lässt ihren Blick über das Karrussel streifen und die kleinen Weihnachtsbuden und die Lichter. Die Fenster des Kirchturms sind mit Lichterketten umrandet und tauchen die alten Steine in einen geheimnisvollen Glanz.
Ihr Herz füllt sich mit einem Glücksgefühl. Sie weiß um seine Nähe, auch wenn sie ihn nicht ansieht. Sie weiß, dass er nur wenige Meter entfernt steht. Sie hört ein Weihnachtslied und fühlt sich seelig. Sie genießt diesen Moment so sehr und atmet tief ein. Als ob sie die Atmosphäre einatmen und in sich behalten könnte. Als ob sie diesen Moment einfrieren könnte.
20.12.10 11:41


Teil 3

Sie wartet auf ihren Psychologen. Wieder einmal verspätet er sich. Nervös guckt sie auf die Uhr, sie denkt daran, dass sie sie sich mit ihm verabredet hat und es vorher noch Mittag gibt.
Bei dem Gespräch sitzt der Pfleger dabei, den sie mag. Sie berichtet von den Therapien, dass sie ihr helfen. Als sie das Atelier erwähnt, schaut der Pfleger hoch und erwähnt einen Anruf der Kunsttherapeutin. Sie berichtete von dem Vorfall mit dem schwarzen Bild, dass sie zeriss.
Der Psychologe fragt sie, was da hinter steckt, doch sie kann nicht darüber sprechen. Er lässt es ihr offen. Sagt, dass es vielleicht gut sei, aber sie das entscheiden muss. Und mit wem sie reden will. Er schaut auf die Uhr. Er steht wie immer unter Zeitdruck und beendet das Gespräch abrupt. Sie fühlt sich beinahe aus dem Zimmer geworfen und flüchtet in den leeren Raucherraum um eine Zigarette zu rauchen. Der Pfleger öffnet die Tür und bittet sie zur Gruppe. Als sie sagt, dass sie nicht will, schließt er die Tür wieder und lässt sie in Frieden, obwohl es Pflicht ist.
Sie sitzt auf dem Stuhl und zittert innerlich. Sie versucht wieder einmal die Tränen zu unterdrücken, aber sie weiß nach wenigen Minuten, dass es dieses Mal nicht funktionieren wird. Kurz vor dem Mittag verschwindet sie in ihrem Zimmer, greift nach ihrem Kopfkissen und schließt sich ins Badezimmer ein. Sie dreht die Heizung auf, lässt sich auf den Boden gleiten und lehnt sich mit dem Rücken gegen den weißen Heizkörper. Sie zieht die Knie an und kuschelt ihren Kopf ins Kissen, das auf ihren Knie liegt. Tränen fließen ihr über das Gesicht und sie schluchzt. Ihr Rücken fängt unter der Hitze er Heizung an zu brennen. Es schmerzt, aber es tut gut. Sie braucht diesen Schmerz um zu spüren, dass sie noch etwas empfindet, eine Verbindung zur Außenwelt, dass sie nicht Gefahr läuft sich in der Fratze zu verlieren.
Gleichzeitig spürt sie die Kälte, die durch die Fliesen auf dem Boden ihre Beine hochkriecht und sich in der Hitze im Rücken verliert. Langsam wird ihr Schluchzen leiser und die Tränen verirrend sich nur noch vereinzelnd in ihr Gesicht.
Sie kriecht in die Ecke zwischen Türrahmen und Heizung und lehnt ihren Kopf an die Heizstäbe. Sie lässt ihren Blick über die Kacheln gleiten und fühlt sich benebelt. Benebelt von ihrer Vergangenheit, von der schwarzen Fratze, dem Menschen, dem diese Fratze gehört und vom Weinen. Sie hört wie ihre Zimmernachbarin ins Zimmer kommt und sie sucht. Sie klopft an die Badezimmertür udn ruft nach ihr.
Sie überlegt nicht zu antworten, tut es aber dennoch.
"Ja?"
"Es gibt Essen."
"Will nicht." Fast kann sie sehen, wie ihre Zimmernachbarin stutzt, dann aber schweigend das Zimmer verlässt um ihr die Ruhe zu geben, die sie anscheinend braucht, obwohl sie sich wünscht, dass jemand die Tür aufmacht und sich zu ihr setzt.
Sie denkt an das Treffen mit ihm. Angst beschleicht sie, dass er nicht kommt. Dass er sie vergessen hat. Dass es ihm so schlecht geht, dass er nicht kommt. Dass er sie versetzt. Es kann nicht gut gehen, denn es ging diese Woche zu oft gut. Zu oft hat er das getan, was sie brauchte, was sie benötigte um ihre Kapuze wieder absetzen zu können. Sie kann nicht vertrauen.
Nach einer Weile steht sie auf, legt ihr Kissen zurück. Sie geht ins Badezimmer und schminkt sich. Die dritte Make-up Schicht für diesen Tag. Sie bemerkt, dass sie keinen Pullover mit Kapuze trägt. Für einen Moment überlegt sie, sich umzuziehen, doch dann fällt ihr ein, dass im Schrank eine Mütze liegt.
Sie guckt auf die Uhr. Er ist zu spät. 20 Minuten. Sie will nicht darüber nachdenken, was sie fühlen wird, wenn er nicht kommt. Ihr Mittagessen steht in der Küche. Als sie sich setzt und den Fisch anstarrt, kommt der Pfleger hinzu, schiebt den Stuhl ihr gegenüber zurück und setzt sich. Sie ist unsicher. Weiß nicht, ob ihr das gefällt oder nicht. Doch sie sagt nichts und als er ihr die Möglichkeit gibt, dass sie entscheidet, ob er gehen oder bleiben soll, bittet sie ihn zu bleiben.
Sie hat keinen Appetit und der Fisch verschwindet nur in kleinen und langsamen Bissen in ihrem Mund. Jede Bewegung fällt ihr schwer. Durch das Küchentürglas sieht sie die Eingangstür und schaut hoch, als sie eine Bewegung wahr nimmt. Mit seiner braunen Jacke und mit einem Grinsen kommt er herein. Als sie ihn sieht, breitet sich über ihr Gesicht ein Lächeln aus. "So habe ich wenigstens Ablenkung", sagt sie zu dem Pfleger, mit dem sie ein paar Sätze ausgetauscht hatte.
Der Pfleger dreht sich um und bemerkt denjenigen, den sie angelächelt hat. "Ja, da war auch ein Lächeln auf Ihrem Gesicht."
Sie nickt und schaut wieder auf ihren Teller, als er in den Raucherraum geht. Er hatte verdutzt bemerkt, dass sie mit dem Pfleger in der Küche saß und schien nicht stören zu wollen.
Sie denkt sich, dass der Pfleger ihre Gefühle kennt für ihn. Es war zu offensichtlich. Für einen Moemnt überlegt sie, ob es ihr peinlich ist. Doch dann entscheidet sie sich dagegen. Sie schämte sich nicht für ihre Gefühle, die sie ihm gegenüber hegte. Sie hat nur Angst ihm diese zu zeigen.
Sie legt Messer und Gabel zur Seite und steht auf. Der Pfleger hilft ihr beim Abräumen, sie bedankt und sich und verschwindet im Raucherraum. Sie sucht seinen Blick, während sie sich hinsetzt um eine Zigarette zu drehen. Sie sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht.
"Haste Lust mit zu Edeka zu kommen?" Sie stellt die Frage, ohne große Angst. So viel vertrauen hat sie zu ihm, dass sie ein nein ertragen könnte. Er zögert sichtlich. Seine Zeit ist begrenzt, aber er kommt mit.
Sie nickt und beeilt sich beim Aufrauchen. Auf dem Weg zum Geschäft reden sie. Reden darüber, was ihn beschäftigt. Er redet sich den Frust von der Seele. Sie hofft, dass ihm die Gespräche genauso helfen, wie ihr. Sie will für ihn da sein, etwas Beständiges. Sie will jemand sein, dem er lernt zu vertrauen. Bei der er lernt, dass es bedingungslose Zuneigung gibt. Eine Zuneigung, die alles übersteht und alles aushält. Das, was sie sich auch für sich selbst wünscht bei ihm. Sie sehnt sich danach, dass sie beide sich eine eigene Welt erschaffen, in der sie gegenseitig die Säulen sind, die die gemeinsame Welt stützen. Und dass diese Welt zwischen ihnen so stabil ist, dass dort so viel Vertrauen und Sicherheit existent ist, dass sie beide in die fremde und bedrohliche Welt hinaus gehen können, mit dem Wissen, dass sie sich in eine andere, sichere Welt jederzeit zurück ziehen können, weil dort jemand auf sie wartet, der ihn so nimmt, wie er ist. Mit der Hochsenibilität, mit den Schattenseiten des Charakters, mit der Erkrankung und mit der Vergangenheit. In einer Welt, wo das alles keine Rolle mehr spielt.
Sie erzählt ein wenig von dem Gespräch. Er hört zu, aber sagt nichts dazu. Für einen Moment stutzt sie. Sie überlegt, ob es Desinteresse ist. Ob sie traurig darüber ist, dass er nicht nachfragt. Doch sie merkt, dass es keine Fragen gibt und sie keine Antworten hätte. Es hilft, dass er ihr einfach nur zuhört, ohne nachzubohren, ohne Fragen zu stellen. Dass er einfach da ist, wieder einmal.
Sie überlegt, ob es sich vielleicht lohnt ihm zu vertrauen. Ihre Ängste zu überwinden und zu anfangen sich auf ihn zu verlassen.
19.12.10 21:32


Teil 2

Ein Tag wie jeder andere. Auf dem Weg zum Atelier friert sie, weil die Temperaturen noch mehr gesunken sind. Eiskristalle glitzern auf dem Gehweg, während sie zwischen den Häusern ihren Weg bahnt. Sie klopft ihre Schuhe aus und schenkt sich einen heißen, frisch aufgebrühten Kaffee ein. Sie ist ein wenig spät dran und verkrümelt sich erst einmal ins Raucherzimmer, das mehr einem kleinen Flur gleicht, und zündet sich eine Zigarette an. Wieder einmal weiß sie nicht, was sie malen soll.
Sie entscheidet sich wieder für Pastellkreide und beschließt die beiden Herzen vom letzten Bild zu verbinden. Eine Lösung dafür zu schaffen, wenigstens bildlich. Doch sie schafft es nicht. Es wird ein bunter Wirbel. Erst im zweiten Versuch schafft sie die beiden Herzen und den bunten Wirbel miteinander zu verbinden. Sie ist zufrieden. Überrascht, wie schnell im Bild eine Lösung zu finden war. Sie ist auf einem guten Weg, denkt sie.
Doch dann holt sie sich ein kleines Blatt Papier und greift wieder nach den schwarzen und grauen Farbtönen. Sie braucht das, das spürt sie. Endlich wieder schwarz, welches auf beinahe jedem ihrer Bilder zu finden ist.
Es wird eine nachtschwarze, gefährlichaussende Fratze. Der Hintrgrund wird so dunkel, dass die Fratze gerade noch zu erkennen ist.
Sie erschrickt. Sie spürt ungeahnte Wut in sich aufsteigen und ein Gesicht taucht vor ihrem inneren Augen auf. Es hat einen Namen. Der Mensch mit diesem Gesicht hat einen Namen. Ihr wird übel vor Ekel, bei dem Gedanken an ihn. Sie flüchtet mit ihrem Kaffee und einer Zigarette. Sie sitzt wie angewurzelt auf dem Stuhl und starrt vor sich hin. Nur ihre Hände zittern. Sie versinkt beinahe in der Wut. Sie spürt wieder das verlangen das Bild zu zerstören, so wie wenige Tage zuvor. Doch sie zündet sich eine weitere Zigarette an. Moral erschwert ihre Gedankengänge, die Angst davor, was die Tat aussagen wird. Die anderen würden es mitbekommen.
Heimlich stiehlt sie ihr Bild vom Tisch, sodass es niemand bemerkt, und verschwindet wieder in den kleinen Flur. Mit vor Wut und Verzweiflung zitternden Händen dreht sie sich eine Zigarette, zündet sie langsam an und wendet sich dem Blatt Papier zu. Sie muss einfach tun. Sie muss diese dunkle Fratze zerstören. Ersatz dafür, dass sie den Menschen, dem die Fratze gehört, nicht zerstören kann.
Sie will weinen. Sie will nicht weinen. Sie drückt die Tränen hinunter, wie so oft. Mit von der Pastellkreide schwarz gefärbten Finger sieht sie sich den Papierhaufen an. Immer kleiner wurden die Stücke. Sie wünscht sich, sie so klein zu zerreißen, dass sie verschwinden. Sich einfach in Luft auflösen oder nur noch mit einer Lupe zu entdecken sind. Keiner könnte dieses Bild wieder zusammensetzen. Ihr Blick fällt auf ihre Finger. Sie denkt an das Blut, dass ihren Fingern einst entlang gelaufen waren. Fast empfindet sie den gleichen Trost. Hastig verstreicht sie die schwarze Farbe auf ihre Hände.
Sie zieht ihre Kapuze über den Kopf und auf dem Weg zurück ihren Schal bis an die Nase, sodass sie den Weg kaum noch erkennen kann. Mit schnellen Schritten verschwindet sie in ihrem Zimmer, zieht sich ihren Mantel und ihren Schal aus. Sie fühlt sich durch ihre Kapuze nicht beschützt genug. Das Bedürfnis nach Verstecken ist zu groß. Sie greift nach ihrem Tuch, wickelt es sich um den Hals und zieht es, wie zuvor ihren Schal, bis zur Nasenspitze. Beinahe zufrieden verlässt sie ihr Zimmer und steuert auf den Raucherraum zu und verzieht sich in ihre Ecke. Doch dieses Mal starrt sie nicht in die weiße Landschaft, die noch schöner geworden war als wenige Tage zuvor, wenn sie das nur bemerken könnte, sondern sie starrt auf den Boden vor sich hin. Ihr Nacken fängt vor Anspannung an zu schmerzen. Mit zitternden Händen dreht sie sich eine Zigarette nach der anderen und wehrt Nachfragen mühsam, schweigsam oder einsilbig ab. Sie will nicht reden. Mit niemanden. Außer mit ihm. Nur mit ihm. Sie wünscht sich so sehr, dass er wieder da ist. Es wieder bemerkt und ihr hilft. Doch sie will nicht spazieren gehen. Die Gruppe schwänzt sie. Sie ignoriert die Aufforderung und das penetrante, schweigende Stehenbleiben in der Tür. Sie schweigt und starrt vor sich hin. Immer wieder taucht das Gesicht des Menschen vor ihr auf. Sie will es verdrängen und hat das Gefühl darin zu versinken. Sie fällt in einen Brunnen und versucht noch nicht einmal nach den Sprossen der Leiter zu greifen. Sie möchte, aber ihr fehlt die Kraft.
Es gibt Essen, sie hat Hunger aber keinen Appetit. Eine Weile hält sie es ohne Zigarette aus, doch schließlich dreht sie sich wieder eine. Es ist die zehnte in 30 Minuten. Sie will, dass das Leben ein Film ist. Dass er wieder nachfragt und für sie da ist.
Die Tür schwenkt auf und noch bevor sie ihn wahrnehmen kann, ertönt seine grinsende Stimme unr begrüßt sie mit einem langgezogenen "Hallo".
Sie schaut auf und lächelt ihn mühsam an. Dieses Mal setzt er sich neben sie. Beinahe Schulter an Schulter sitzt sie neben ihm und sie atmet seinen Geruch ein, während er seine Gauloise aus der Hosentasche zieht und sich eine Zigarette ansteckt. Dieses Mal macht er keine Rauchringe.
"Na, wie war die Kunst?" fragt er und schaut sie von der Seite an.
Sie zuckt mit den Schultern. "Nicht besonders gut."
"Wieso?" fragt er. "Haste wieder eine Mauer gemalt?"
Sie schüttelt mit dem Kopf und atmet einmal kurz durch, bevor sie leise antwortet: "Nein, eine schwarze Fratze."
"Mmh." Da ist es wieder. Dieses vertraute Geräusch, so melodiös, als wäre es ein eigenes Instrument, dass sie so lieben gelernt hat.
Eine Pause entsteht. "Willste zocken?" Fragend sieht er sie an. "Dann kommst du auf andere Gedanken."
Sie zögert. Eigentlich hat sie wenig Lust aufzustehen, aber sie nickt.
"Holst du das GameCube?" fragt sie, als er aufgeraucht hat.
"Wo ist das? In deinem Zimmer?"
"Ja, neben meinem Nachtschrank."
Er verschwindet und sie ist dankbar, dass er ihrer Bitte nachkommt. Er schließt es an und verschwindet wieder kurz um einen Dienst zu erledigen. Er bringt ihr Wasser mit, weil sie ihn darum bat.
Mit jeder Runde, die sie fährt, geht es ihr besser. Das Tuch um ihrem Hals verschwindet als erstes. Kurz vor Ende des Rennens streift sie ihre Kapuze nach hinten. Sie kann wieder atmen und lachen.
Als sie danach schweigend nebeneinander sitzen, denkt sie nach. Sie denkt daran, dass er wieder da war. Dass ihr Wunsch sich wieder erfüllt hat. Dass er das getan hat, was sie sich so sehr erhofft hat. Sie hat Angst. Angst davor sich darauf einzulassen. Sich darauf verlassen zu wollen, davon auszugehen, dass er sich das nächste Mal auch um sie kümmert - und dann enttäuscht zu werden, weil er es nicht tut.
Doch in diesem Augenblick will sie einfach nur seine Nähe genießen und ihm dankbar dafür sein, dass er sie schon zum zweiten Mal aus ihrer Kapuze geholfen hat.
16.12.10 21:14


Teil 1

Morgens um neun wandert sie auf dem geräumten, geschwungenen kleinen Pfad, der durch die Parkanlage, an einem kleines Fluss vorbei führt und von Bänken umsäumt wird.
Sie genießt den Schnee und die Stille, die sich langsam verbreitet. Doch obwohl ihr Herz sich daran erfreut, so erfasst sie dennoch eine tiefe Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die neben der Freude bestehen bleibt, die sei bei der Kreativität des Schöpfers empfindet.
"Wie geht es Ihnen?" wird sie wenig später im kuscheligen, warmen Atelier gefragt, während sie ihren Kaffee trinkt und nachdenkt.
Sie muss erst einmal überlegen. Wie geht es ihr denn eigentlich? Sie entscheidet sich für die Wahrheit. "Ich weiß nicht. Einerseits gut, andererseits ziemlich schlecht."
"Dann versuchen Sie doch genau das mal zu malen."
"Das könnte ich tun", sagt sie wenig begeistert und zögerlich. Doch als sie die anderen um sich herum beobachtet, wie diese aus den weißen Blättern bunte Bilder gestalten, seufzt sie leise und steht auf. Pastellkreide wird es heute sein. Sie lässt sich darauf ein und malt drauf los. Eine Mauer aus roten Ziegelsteinen zieht sich wenig später quer über das Blatt. Sie ist überrascht wie gut es ihr gelungen ist. Doch jetzt kommt der schwierige Teil, das weiß sie und Hemmungen befallen sie.

Eine Weile starrt sie das durch die Mauer in zwei Teile getrennte Bild an. Schließlich setzt sie sich wieder hin und zeichnet geschwungene Linien, die sich zu einem Herz formen. Zufrieden sieht sie sich ihr halbes Kunstwerk an. Sie empfindet Freude daran. An den Formen, an den Farben, daran, dass sie es selbst gemalt hat und es ihr dennoch gefällt.
Nach einer Zigarettenpause setzt sie sich an die andere Seite. Sie zögert. Sie will sich nicht mit dieser Seite der Mauer beschäftigen. Nach einem weiteren Kaffee fängt sie an zu malen. Automatisch greift sie nach den schwarzen und grauen Pastelltönen. Mit dem tiefsten Schwarz, das sie finden kann, malt sie die Umrisse eines Herzens, das größer ist als das liebende Herz, aus dem gezackte Linien entspringen und sich verflüchtigen.
Das Kunstwerk vollendet, steht sie auf, sieht sich das Bild aus der Distanz an und wird wütend. Sie verspürt den Wunsch das kräftigste Rot aus der Schachtel zu nehmen und das schwarze, bedrohliche Herz überzumalen, es zu zerstören, es bluten zu sehen.
Wenige Minuten später macht sie sich auf den Rückweg. Es ist der gleiche Weg. Wieder der verschlungene Pfad, wieder die Parkanlage, vorbei an dem Fluss, vorbei an den Bänken. Die Mütze tief in die Stirn gezogen, den Schal bis unter die Nase, hat sie keinen Blick dafür. Ihr fällt es auf und wünscht sich, sie könnte die Schönheit noch bewundern, doch zu viel Wut ist in ihr.
Im Zimmer zieht sie sich etwas anderes an. Ein Pullover mit Kapuze, denn sie braucht diese Kopfbedeckung jetzt. Sie fühlt sich beschützt. Im Raucherraum, in dem sie sich wenig später befindet, sitzen nur wenige Menschen. Keiner spricht sie an, was ihr gefällt. Sie will nicht reden. Aber sie will auch nicht alleine sein. Zitternd greift sie nach ihrer Zigarette und zündet sie an. Ihr Blick richtet sich nach draußen, in die weiße Landschaft vor dem Fenster. Doch im Augenwinkel beobachtet sie ihn. Nur ihm würde sie antworten. Mit ihm würde sie reden. Sie wünscht es sich so sehr. Dass er ankommt und fragt. Sich Gedanken macht. Das Mittagessen kommt und er geht. Eine Frau kommt auf sie zu und will sie berühren, sanft und beruhigend streicheln. Sie dreht sich weg und hält abwehrend ihre Hände nach. "Nicht!" sagt sie abweisend. "Tut mir leid", sagt die Frau, lässt sie zwar los, aber steht immer noch über sie gebeugt neben ihr. "Bitte, geh. Geh weg. Ich ertrag's nicht", sagt sie bestimmt und fühlt Schuldgefühle in ihr hoch steigen.
"Es war doch nur lieb gemeint", sagt die Frau und geht wieder zu ihrem Platz, auf dem sie vorher gesessen hat.
Es tut ihr leid, auch wenn sie die Frau aufgrund ihrer Aufdringlichkeit und Wehleidigkeit nicht sonderlich mag.
"War nicht bös gemeint", sagte sie schnell ohne dabei hochzuschauen.
Zigaretten werden ausgemacht und der Raucherraum leert sich; sie bleibt alleine zurück. Kaum schließt sich die Tür hinter der letzen Person, die auf dem Weg zum Essen ist, spürt sie, wie Tränen herausquellen möchten. Eine tiefe Traurigkeit neben der Wut, steigt hoch und wollen ihre Bahn an der Wange herunter ziehen. Doch sie schluckt sie mühsam hinunter und starrt stur aus dem Fenster. Sie greift nach der dritten Zigarette um sich abzulenken. Gierig zieht sie daran und versinkt mit angezogenen Knien im Stuhl.
Sie macht die Zigarette gerade aus, da öffnet sich die Tür. Aus den Augenwinkeln heraus sieht sie was blaues blitzen. Sein Pullover, der seinen Besitzer mitbringt. Er setzt sich ihr gegenüber und zündet sich seine blaue Gauloise an. Er stößt gekonnte Rauchringe aus und stellt mit einer Frage im Tonfall fest: "Dir geht's heute auch nicht gut."
Sie schüttelt den Kopf. Kann es kaum glauben, dass er sie darauf anspricht. Dass er sie fragt.
"Was ist los?"
Bei der Frage blickt sie ihn kurz an und zögert. "Ich könnte gerade alles kurz und klein schlagen oder heulen"; antwortet sie schließlich. "Hab mich noch nicht entschieden, was ich mache."
"Wieso denn?"
Sie zuckt kaum merklich zusammen. Wie soll sie ihm denn das erklären? Das Bild spiegeln ihre Gefühle des Verliebtseins wider und damit die Gefühle, die sie für ihn empfindet. Sie zögert ein wenig und zieht in Erwägung ihm alles zu erzählen. Ihm zu erzählen, dass sie sich verliebt hat, dass sie gerne in seiner Nähe ist, sich wohler fühlt, wenn er mit im Raum ist, auch wenn sie nicht miteinander reden. Dass sie seine Stimme und Lachen mag, seine Augen und die Art wie er ihren Namen ausspricht und sie anstrahlt.
Doch aus Angst entscheidet sie sich dagegen und weicht aus. "Keine Ahnung." Sie stellt erst hinterher fest, dass es eine Lüge war. Dabei lügt sie doch sonst nie.
Sie zögert. Sie will die Lüge richtig stellen, das macht sie sonst immer, aber sie kann sich nicht dazu überwinden. Stattdessen fügt sie hinzu: "Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll."
"Mmh." Kommt aus seiner Ecke. Das ihr mittlerweile schon so vertraute Geräusch, langsam, gedehnt und beinahe melodiös. "Ich versteh's bestimmt."
"Das stimmt. Das würdest du auf alle Fälle."
Ein kurzes Schweigen breitet sich im Raum aus, in dem sie immer noch alleine mit ihm ist. Die Worte, die aus ihrem Munde kommen, überraschen sie selbst. Sie hat nicht vorgehabt diese Frage zu stellen. "Magst du mit mir gleich spazieren gehen?"
Er guckt sie überlegend an und fasst sich entsetzt an den Kopf. "Meine Haare!" Er streicht über seine 4cm lange Haare. Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht. Sie amüsiert sich über seine Eitelkeit. "Setz dir 'ne Mütze auf", entgegnete sie grinsend.
Er zögert nicht lange. "Okay. Ich rauch noch auf."
Sie nickt zustimmend und greift nach einer weitere Zigarette. Ihr Herz zeugt von Erleichterung. Wenige Sekunden später kommen auch die anderen wieder um ihre Zigarette nach dem Essen zu rauchen.
Nachdem sie ihre Zigarette ausgedrückt hat, greift er nach seiner Wasserflasche, seiner blauen Zigarettenschachtel und steht auf. "Ich zieh mir mir dann meine Jacke an."
"Ich auch", sagt sie.
Wenig später schlurft sie in ihr Zimmer, versucht sich beim Anziehen zu beeilen. So schnell wie es ihr möglich ist, denn ihre Stimmung verhindert Eile bei ihr. Als würde sich die ganze Welt sich immer schneller drehen, während sie sich nur noch im Zeitlupentempo bewegt.
Als sie zum Eingang geht, den Schal wieder bis an die Nase und die Mütze tief ins Gesicht gezogen, wartet er schon auf sie. Er trägt sie im Buch für eine Stunde aus. Es fällt ihm schwer die Länge des Spazierganges vorauszusagen, so als wäre er unsicher.
Gemeinsam verlassen sie das Haus und schlagen den Weg Richtung Wiese, Wald und Fluss ein. Einen Weg, den sie noch nicht kennt.
Nach wenigen Meter sagt er: "Na dann, erzähl mal. Was ist los?"
Sie zögert. Sie ist immer noch im gleichen Dilemma wie kurz zuvor im Raucherraum aber sie spürt, dass sie es ihm nicht sagen kann. Noch nicht. Unsicher greift sie nach ihrem Tabak um sich eine Zigarete zu drehen.
Er zieht seine Gauloise aus der Jackentasche: "Ach komm, nimm eine von mir."
"Danke", sagt sie leise und bleibt kurz stehen um sich die Zigarette anzuzünden. "Ich bin einfach nur wütend auf mich selbst", antwortet sie schließlich. "Manchmal kommt einfach alles hoch. Dieser ganze Selbsthass und Selbstzweifel und dann könnt ich auf alles und jeden einschlagen, selbst auf Leute, die mir gar nichts getan haben."
Sie kann es nicht fassen. Während sie durch die verschneite Landschaft gehen, sich unterhalten, sich gegenseitig von ihren Problemen erzählen und so viele Gemeinsamkeiten entdecken, kurz am Fluss stehen bleiben um die Enten zu beobachten, er Mitleid mit der Ente bekundet, deren Zunge aus dem Schnabel hängt, als wäre sie zu nichts mehr zu gebrauchen kann sie nicht glauben, dass er tatsächlich da ist für sie. Er, dem es selbst nicht gut geht, der sich dann von Menschen zurück zieht, sich in seine Bücher verkriecht, im Haus nur mit Kapuze auf dem Kopf herum läuft und allen aus dem Weg geht - sie eingeschlossen. Aber das, was sie sich erhofft hat, hat er getan.
"Ich werde dich vermissen", sagt sie, als er erzählt, dass er das Haus wechseln wird.
Er scheint damit nicht viel anfangen zu können. Zuneigung nicht zulassen zu können.
Er zögert kurz. "Ich komm euch ja besuchen."
Als sie wenig später wieder zurück sind, trägt er die beiden wieder ein. Sie würde sich gerne bei ihm bedanken. Aber die Worte wollen nicht über ihre Lippen kommen. Sie hofft, dass er es weiß. Dass er weiß, dass ihr der Spaziergang und das Gespräch gut getan hat. Dass sie an diesem Tag nicht mehr mit Kapuze rumlaufen muss. Sie hofft darauf, dass er einfach weiß, was sie für ihn empfindet. Dass ohne große Worte das geheime und zarte Band der Verbindung wächst und eines Tages so stark wird, dass sie sich dessen nicht mehr widersetzen können. Dass die Angst davor keine Rolle mehr spielt, dass die Vergangenheit verschwindet und nur noch das jetzt und heute gilt.
15.12.10 10:49


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