Teil 5

Sie sitzt neben ihm auf dem Stuhl und starrt auf dem Bildschirm. Sie fragt sich selbst, weshalb sie während des Spiels mit ihm schlechte Laune entwickelt. Sie ist genervt. Die Sprüche der anderen, die sie im HIntergrund wahrnimmt, stören sie. Die Lautstärke lässt sie in regelmäßigen Abständen zusammen zucken. Sie wird ausfallender als sonst und ist frustriert, wenn sie beim Spiel abgeschossen oder von der Fahrbahn gedrängt wird.
Er fragt nach dem Grund ihrer schlechten Laune.
"Keine Ahnung", sagt sie und ihr wird im gleichen Augenblick bewusst, dass es eine Lüge ist. Sie weiß warum, auch wenn sie es noch nicht wirklich erfassen kann. Ihr fällt ein, dass sie ihn schon einmal angelogen hat. Als es um das Bild den beiden Herzen ging. Sie hat mit sich gehadert, ob sie ihm ihre Gefühle sagen soll, aber sie ließ es bleiben.
Auch dieses Mal stellt sie die Lüge nicht richtig.
Kaum ist das Spiel zu Ende und greift nach dem Tabak und verlässt den Raum. Sie will flüchten vor den Leuten, vor den anderen, aber auch vor ihm. Zum ersten Mal will sie auch vor ihm und ihre Gefühle flüchten. Diese Tatsache erschreckt sie beinahe.
Sie geht nach draußen um eine zu rauchen. Die Kälte ignoriert sie. Doch während sie sich die Zigarette dreht, wünschst sie sich, dass er zu ihr kommt. Sich zu ihr gesellt und ihr in dieser Stimmung beiseite steht. Sie will sich ihre Zigarette schon anzünden, als sie sich umentscheidet. Sie geht wieder zurück in den Raucherraum. Sie will in seiner Nähe sein, aus der sie nur wenige Minuten später geflüchtet ist.
Er schaut nur kurz hoch, als sie hereinkommt und spielt dann weiter mit seinem Handy. Sie will noch zum Laden. Sie zögert, ob sie ihn fragen soll oder nicht, denn sie weiß, dass er schon da gewesen ist. Und vielleicht würde er nein sagen, gerade weil sie schlecht gelaunt ist. Irgendwann muss er sie doch zurückstoßen, wenn sie so drauf ist, wenn sie nicht lächelt und keine Sprüche reißt, wenn sie keinen Spaß versteht und wortkarg ist.
Dennoch nimmt sie ihren Mut zusammen und fragt ihn.
"Könnte ich machen", kommt aus seiner Ecke. "Dann kann ich mir noch nen Energy kaufen."
Sie nickt nur und drückt ihre Zigarette aus um im Zimmer sich anzuziehen.
Als sie zur Tür geht, wartet er mit einem Mädchen aus einem anderen Haus auf sie. Für einen Moment hat sie Angst, dass das Mädchen mitkommen will. Doch sie versucht sich zu beruhigen, dass es sie nur bis zu ihrem Haus begleiten wird.
Schweigend stapfen die drei durch den Schnee. Er scheint diese nicht zu mögen, denn er sagt auflachend: "Was für ne Stille."
Sie zieht ihren Kopf dichter in den Schal, während ihre Mütze beinahe die Augen verdeckt. Sie registriert im Augenwinkel, dass das Mädchen den Weg zu ihrem Haus einschlägt und wenig später verschwunden ist.
"Also", beginnt er das Gespräch. "Was ist los?"
Dieses Mal will sie die Lüge richtig stellen, auch wenn sie ihm nicht den Grund nennen will. "Ich hab dich angelogen."
"Wann?"
"Vorhin, als du gefragt hast, weshalb ich schlechte Laune hab und ich sagte, dass ich das nicht weiß. Mir saßen nur zu viele Leute drumherum."
"Dachte ich mir", murmelt er. Er sieht sie. "Und warum hast du schlechte Laune?"
Sie stutzt. Zum dritten Mal fragte er danach. "Ach", weicht sie aus. "Kommen einfach gerade die ganzen Selbstzweifel hoch..., zu dick, zu hässlich, etc."
Er lässt wieder sein ihr so vertrautes "Mmh" ertönen. "Ach komm." Diese zwei Worte klingen aufmunternd, als wolle er sagen, dass es nicht stimmen würde und selbst wenn, dass das nicht wichtig sei.
"Die Menschen sind sowieso viel zu oberflächlich", bemerkt er.
"Die meisten", stimmt sie ein wenig träge zu. Ihr Stimmung drückt auf ihre Stimme. Das Gefühl der Kraftlosigkeit überkommt sie.
"Man, ich hab eh keine Lust auf Beziehung", stellt er kurze Zeit später fest. Er zögert kurz, als sei ihm etwas eingefallen. "Andererseits kann einem eine Freundin auch echt unterstützen."
"Das kommt halt auf die Art der Beziehung an."
Er nickt zustimmend. "Na ja, aber letztendlich ist jeder Mensch immer nur auf der Suche nach etwas besserem. Er ist nie zufrieden."
Sie sagt ihm nicht, dass sie anderer Meinung ist. Dass sie nicht so ist. Dass sie, wenn sie liebt, zufrieden und glücklich ist. Wieso sollte sie etwas aufgeben, was gut ist und sie zufrieden macht? Wieso sollte sie diese Sicherheit aufgeben nur um das Risiko einzugehen, etwas Neues auszuprobieren?
Sie wartet draußen, während er sein Geld holt. Ihr kommen beinahe die Tränen. Sie dreht sich mit dem Rücken zur Tür, nur für den Fall, dass er heraus kommt. Sie will nicht weinen. Nicht jetzt. Nicht vor ihm. Das kann sie noch nicht.
Sie atmet ein paar Mal tief durch um sich zu beruhigen. Ärgerlich wischt sie sich die Träne ab, die sich im Augenwinkel verirrt hat.
Sie hört wie die Tür sich hinter sie öffnet und dreht sich um. Die Mütze zieht sie noch tiefer ins Gesicht, sodass sie kaum noch den Weg erkennen kann.
"Ach Mensch, was bedrückt dich so?" Seine Stimme klingt nach Anteilnahme und Interesse.
Sie weiß nicht, ob sie sich darüber freuen soll, dass er wieder nachfragt oder ob sie lieber flüchten würde, aus dem Wissen heraus, ihm den Grund weder nennen zu können, noch zu wollen und dennoch den Wunsch danach zu verspüren, diese Worte auszusprechen.
"Komm, raus damit. Was liegt dir auf der Seele?" Als sie immer noch schweigt, fängt er an Dinge aufzuzählen.
Am Ende seiner Aufzählung, schüttelt sie den Kopf. "Nein."
Er seufzt ohne dabei genervt zu klingen, als ob er sich einfach wünschen würde, dass sie sich ihre Last von der Seele redet. "Was ist es dann?"
Einen kurzen Moment überlegt und zögert sie. Doch ehe sie den Gedanken zu Ende führen kann, platzt sie heraus: "Man, weil ich mich dich verliebt hab!"
Für ein paar Sekunden herrscht Schweigen, aber es weder ein geschocktes noch unangenehmes Schweigen. Das Schweigen, das entsteht, wenn jemand das Gesagte erst einmal begreifen und verdauen muss.
"Oh man, was soll ich dazu sagen?"
"Nichts", antwortet sie und fühlt sich auf einmal erleichtert. Ihre Last, die sie so sehr beschwert hat, ist von ihr gewichen. Sie ist gespannt, wie er reagieren wird. Was nach seiner Frage kommen wird.
"Ach man, ich will keine Beziehung", sagt er. "Ich muss erst mal mein Leben auf die Reihe kriegen und mit mir selber klar kommen."
Sie schweigt. Nicht, weil sie ihm nicht antworten würde, sondern weil sie nicht weiß, was sie darauf antworten soll. Und sie wartet darauf, was ihre Gefühle ihr berichten. Sie wartet auf die Ablehnung von ihm und die verletzeten Gefühle, auf das Stechen in der Seele. Aber es geschieht nichts dergleichen.
Plötzlich grinst er sie und lacht. "Es wird nie wieder gezockt!"
Sie kann es kaum glauben, aber sie muss lachen. "Wehe! Ich will dich noch platt machen."
Er seufzt leise. "Man, wieso hast du das gesagt?"
Erstaunt sieht sie ihn an und grinst empört. "DU hast gefragt! Du hast mindestens 5 Mal nachgefragt!"
"Ich weiß", antwortet er ein wenig zerknirscht.
Sie lacht ihn an. Es ist ein ehrliches Lachen. "Tja, man sollte nur die Fragen stellen, deren Antwort man auch erträgt."
"Ich ertrage die Antwort ja."
"Kommste damit klar?" fragt sie. "Ich hab keine Lust, dass irgendwas zwischen uns steht"
"Kommst du damit klar?" lautet seine Gegenfrage.
Sie nickt. Ihre Stimme klingt neutral, als sie hinzufügt: "Ich bin das gewöhnt."
"Was?" Er sieht sie fragend an, doch sie weicht seinem Blick aus. "Abgewiesen zu werden?" fragt er und sie überlegt, ob seine Stimme tatsächlich ein wenig erstaunt klingt, als ob er das nicht glauben könne, oder sie sich das einbildet. Sie kommt zu keiner Antwort.
"Also kommst du damit klar?" fragte sie noch einmal.
"Klar!" Seine Antwort klingt ehrlich udn überzeugend. "Ich denk eher, dass du damit nicht klar kommst."
"Doch, doch. Meistens haben die Jungs damit mehr Probleme, als ich."
"Mmh." Einige Sekunden schweigen die beiden, bevor er hervorstößt: "Man, wieso hast du das gesagt?"
"War das jetzt etwa so eine große Überraschung für dich?"
"Nein, das ist es ja gerade, eben nicht."
Sie grinst. "Eben."
"Man, ja, aber jetzt ist es ausgesprochen worden. Warum ich? Warum? Du kennst mich doch! Du weißt wie krank ich bin." Seine Stimme klingt für sie ungläubig, ein wenig fassungslos, verzweifelt. So als ob er es nicht wirklich glauben kann, dass sie sich in ihn verliebt hat, obwohl sie ihn seiner schlimmsten Phase kennen gelernt hat. Dass sie sich verliebt hat, obwohl er krank ist. Und gleichzeitig, so scheint es ihr, hat er Angst vor ihren Gefühlen. Angst davor, was sie bei ihm auslösen.
Sie nickt und grinst ihn an. "Am Anfang hab ich auch gedacht: Oh nein, nicht so'n Wrack, das will ich nicht!"
"Ey", beschwert er sich. "Ich bin kein Wrack." Sie will etwas erwidern, doch sie spürt, dass er zögert, weil er etwas hinzufügen will, deshalb schweigt sie. "Okay, am Anfang war ich schon ziemlich drauf."
22.12.10 12:41
 


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