Teil 3

Sie wartet auf ihren Psychologen. Wieder einmal verspätet er sich. Nervös guckt sie auf die Uhr, sie denkt daran, dass sie sie sich mit ihm verabredet hat und es vorher noch Mittag gibt.
Bei dem Gespräch sitzt der Pfleger dabei, den sie mag. Sie berichtet von den Therapien, dass sie ihr helfen. Als sie das Atelier erwähnt, schaut der Pfleger hoch und erwähnt einen Anruf der Kunsttherapeutin. Sie berichtete von dem Vorfall mit dem schwarzen Bild, dass sie zeriss.
Der Psychologe fragt sie, was da hinter steckt, doch sie kann nicht darüber sprechen. Er lässt es ihr offen. Sagt, dass es vielleicht gut sei, aber sie das entscheiden muss. Und mit wem sie reden will. Er schaut auf die Uhr. Er steht wie immer unter Zeitdruck und beendet das Gespräch abrupt. Sie fühlt sich beinahe aus dem Zimmer geworfen und flüchtet in den leeren Raucherraum um eine Zigarette zu rauchen. Der Pfleger öffnet die Tür und bittet sie zur Gruppe. Als sie sagt, dass sie nicht will, schließt er die Tür wieder und lässt sie in Frieden, obwohl es Pflicht ist.
Sie sitzt auf dem Stuhl und zittert innerlich. Sie versucht wieder einmal die Tränen zu unterdrücken, aber sie weiß nach wenigen Minuten, dass es dieses Mal nicht funktionieren wird. Kurz vor dem Mittag verschwindet sie in ihrem Zimmer, greift nach ihrem Kopfkissen und schließt sich ins Badezimmer ein. Sie dreht die Heizung auf, lässt sich auf den Boden gleiten und lehnt sich mit dem Rücken gegen den weißen Heizkörper. Sie zieht die Knie an und kuschelt ihren Kopf ins Kissen, das auf ihren Knie liegt. Tränen fließen ihr über das Gesicht und sie schluchzt. Ihr Rücken fängt unter der Hitze er Heizung an zu brennen. Es schmerzt, aber es tut gut. Sie braucht diesen Schmerz um zu spüren, dass sie noch etwas empfindet, eine Verbindung zur Außenwelt, dass sie nicht Gefahr läuft sich in der Fratze zu verlieren.
Gleichzeitig spürt sie die Kälte, die durch die Fliesen auf dem Boden ihre Beine hochkriecht und sich in der Hitze im Rücken verliert. Langsam wird ihr Schluchzen leiser und die Tränen verirrend sich nur noch vereinzelnd in ihr Gesicht.
Sie kriecht in die Ecke zwischen Türrahmen und Heizung und lehnt ihren Kopf an die Heizstäbe. Sie lässt ihren Blick über die Kacheln gleiten und fühlt sich benebelt. Benebelt von ihrer Vergangenheit, von der schwarzen Fratze, dem Menschen, dem diese Fratze gehört und vom Weinen. Sie hört wie ihre Zimmernachbarin ins Zimmer kommt und sie sucht. Sie klopft an die Badezimmertür udn ruft nach ihr.
Sie überlegt nicht zu antworten, tut es aber dennoch.
"Ja?"
"Es gibt Essen."
"Will nicht." Fast kann sie sehen, wie ihre Zimmernachbarin stutzt, dann aber schweigend das Zimmer verlässt um ihr die Ruhe zu geben, die sie anscheinend braucht, obwohl sie sich wünscht, dass jemand die Tür aufmacht und sich zu ihr setzt.
Sie denkt an das Treffen mit ihm. Angst beschleicht sie, dass er nicht kommt. Dass er sie vergessen hat. Dass es ihm so schlecht geht, dass er nicht kommt. Dass er sie versetzt. Es kann nicht gut gehen, denn es ging diese Woche zu oft gut. Zu oft hat er das getan, was sie brauchte, was sie benötigte um ihre Kapuze wieder absetzen zu können. Sie kann nicht vertrauen.
Nach einer Weile steht sie auf, legt ihr Kissen zurück. Sie geht ins Badezimmer und schminkt sich. Die dritte Make-up Schicht für diesen Tag. Sie bemerkt, dass sie keinen Pullover mit Kapuze trägt. Für einen Moment überlegt sie, sich umzuziehen, doch dann fällt ihr ein, dass im Schrank eine Mütze liegt.
Sie guckt auf die Uhr. Er ist zu spät. 20 Minuten. Sie will nicht darüber nachdenken, was sie fühlen wird, wenn er nicht kommt. Ihr Mittagessen steht in der Küche. Als sie sich setzt und den Fisch anstarrt, kommt der Pfleger hinzu, schiebt den Stuhl ihr gegenüber zurück und setzt sich. Sie ist unsicher. Weiß nicht, ob ihr das gefällt oder nicht. Doch sie sagt nichts und als er ihr die Möglichkeit gibt, dass sie entscheidet, ob er gehen oder bleiben soll, bittet sie ihn zu bleiben.
Sie hat keinen Appetit und der Fisch verschwindet nur in kleinen und langsamen Bissen in ihrem Mund. Jede Bewegung fällt ihr schwer. Durch das Küchentürglas sieht sie die Eingangstür und schaut hoch, als sie eine Bewegung wahr nimmt. Mit seiner braunen Jacke und mit einem Grinsen kommt er herein. Als sie ihn sieht, breitet sich über ihr Gesicht ein Lächeln aus. "So habe ich wenigstens Ablenkung", sagt sie zu dem Pfleger, mit dem sie ein paar Sätze ausgetauscht hatte.
Der Pfleger dreht sich um und bemerkt denjenigen, den sie angelächelt hat. "Ja, da war auch ein Lächeln auf Ihrem Gesicht."
Sie nickt und schaut wieder auf ihren Teller, als er in den Raucherraum geht. Er hatte verdutzt bemerkt, dass sie mit dem Pfleger in der Küche saß und schien nicht stören zu wollen.
Sie denkt sich, dass der Pfleger ihre Gefühle kennt für ihn. Es war zu offensichtlich. Für einen Moemnt überlegt sie, ob es ihr peinlich ist. Doch dann entscheidet sie sich dagegen. Sie schämte sich nicht für ihre Gefühle, die sie ihm gegenüber hegte. Sie hat nur Angst ihm diese zu zeigen.
Sie legt Messer und Gabel zur Seite und steht auf. Der Pfleger hilft ihr beim Abräumen, sie bedankt und sich und verschwindet im Raucherraum. Sie sucht seinen Blick, während sie sich hinsetzt um eine Zigarette zu drehen. Sie sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht.
"Haste Lust mit zu Edeka zu kommen?" Sie stellt die Frage, ohne große Angst. So viel vertrauen hat sie zu ihm, dass sie ein nein ertragen könnte. Er zögert sichtlich. Seine Zeit ist begrenzt, aber er kommt mit.
Sie nickt und beeilt sich beim Aufrauchen. Auf dem Weg zum Geschäft reden sie. Reden darüber, was ihn beschäftigt. Er redet sich den Frust von der Seele. Sie hofft, dass ihm die Gespräche genauso helfen, wie ihr. Sie will für ihn da sein, etwas Beständiges. Sie will jemand sein, dem er lernt zu vertrauen. Bei der er lernt, dass es bedingungslose Zuneigung gibt. Eine Zuneigung, die alles übersteht und alles aushält. Das, was sie sich auch für sich selbst wünscht bei ihm. Sie sehnt sich danach, dass sie beide sich eine eigene Welt erschaffen, in der sie gegenseitig die Säulen sind, die die gemeinsame Welt stützen. Und dass diese Welt zwischen ihnen so stabil ist, dass dort so viel Vertrauen und Sicherheit existent ist, dass sie beide in die fremde und bedrohliche Welt hinaus gehen können, mit dem Wissen, dass sie sich in eine andere, sichere Welt jederzeit zurück ziehen können, weil dort jemand auf sie wartet, der ihn so nimmt, wie er ist. Mit der Hochsenibilität, mit den Schattenseiten des Charakters, mit der Erkrankung und mit der Vergangenheit. In einer Welt, wo das alles keine Rolle mehr spielt.
Sie erzählt ein wenig von dem Gespräch. Er hört zu, aber sagt nichts dazu. Für einen Moment stutzt sie. Sie überlegt, ob es Desinteresse ist. Ob sie traurig darüber ist, dass er nicht nachfragt. Doch sie merkt, dass es keine Fragen gibt und sie keine Antworten hätte. Es hilft, dass er ihr einfach nur zuhört, ohne nachzubohren, ohne Fragen zu stellen. Dass er einfach da ist, wieder einmal.
Sie überlegt, ob es sich vielleicht lohnt ihm zu vertrauen. Ihre Ängste zu überwinden und zu anfangen sich auf ihn zu verlassen.
19.12.10 21:32
 


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