Teil 2

Ein Tag wie jeder andere. Auf dem Weg zum Atelier friert sie, weil die Temperaturen noch mehr gesunken sind. Eiskristalle glitzern auf dem Gehweg, während sie zwischen den Häusern ihren Weg bahnt. Sie klopft ihre Schuhe aus und schenkt sich einen heißen, frisch aufgebrühten Kaffee ein. Sie ist ein wenig spät dran und verkrümelt sich erst einmal ins Raucherzimmer, das mehr einem kleinen Flur gleicht, und zündet sich eine Zigarette an. Wieder einmal weiß sie nicht, was sie malen soll.
Sie entscheidet sich wieder für Pastellkreide und beschließt die beiden Herzen vom letzten Bild zu verbinden. Eine Lösung dafür zu schaffen, wenigstens bildlich. Doch sie schafft es nicht. Es wird ein bunter Wirbel. Erst im zweiten Versuch schafft sie die beiden Herzen und den bunten Wirbel miteinander zu verbinden. Sie ist zufrieden. Überrascht, wie schnell im Bild eine Lösung zu finden war. Sie ist auf einem guten Weg, denkt sie.
Doch dann holt sie sich ein kleines Blatt Papier und greift wieder nach den schwarzen und grauen Farbtönen. Sie braucht das, das spürt sie. Endlich wieder schwarz, welches auf beinahe jedem ihrer Bilder zu finden ist.
Es wird eine nachtschwarze, gefährlichaussende Fratze. Der Hintrgrund wird so dunkel, dass die Fratze gerade noch zu erkennen ist.
Sie erschrickt. Sie spürt ungeahnte Wut in sich aufsteigen und ein Gesicht taucht vor ihrem inneren Augen auf. Es hat einen Namen. Der Mensch mit diesem Gesicht hat einen Namen. Ihr wird übel vor Ekel, bei dem Gedanken an ihn. Sie flüchtet mit ihrem Kaffee und einer Zigarette. Sie sitzt wie angewurzelt auf dem Stuhl und starrt vor sich hin. Nur ihre Hände zittern. Sie versinkt beinahe in der Wut. Sie spürt wieder das verlangen das Bild zu zerstören, so wie wenige Tage zuvor. Doch sie zündet sich eine weitere Zigarette an. Moral erschwert ihre Gedankengänge, die Angst davor, was die Tat aussagen wird. Die anderen würden es mitbekommen.
Heimlich stiehlt sie ihr Bild vom Tisch, sodass es niemand bemerkt, und verschwindet wieder in den kleinen Flur. Mit vor Wut und Verzweiflung zitternden Händen dreht sie sich eine Zigarette, zündet sie langsam an und wendet sich dem Blatt Papier zu. Sie muss einfach tun. Sie muss diese dunkle Fratze zerstören. Ersatz dafür, dass sie den Menschen, dem die Fratze gehört, nicht zerstören kann.
Sie will weinen. Sie will nicht weinen. Sie drückt die Tränen hinunter, wie so oft. Mit von der Pastellkreide schwarz gefärbten Finger sieht sie sich den Papierhaufen an. Immer kleiner wurden die Stücke. Sie wünscht sich, sie so klein zu zerreißen, dass sie verschwinden. Sich einfach in Luft auflösen oder nur noch mit einer Lupe zu entdecken sind. Keiner könnte dieses Bild wieder zusammensetzen. Ihr Blick fällt auf ihre Finger. Sie denkt an das Blut, dass ihren Fingern einst entlang gelaufen waren. Fast empfindet sie den gleichen Trost. Hastig verstreicht sie die schwarze Farbe auf ihre Hände.
Sie zieht ihre Kapuze über den Kopf und auf dem Weg zurück ihren Schal bis an die Nase, sodass sie den Weg kaum noch erkennen kann. Mit schnellen Schritten verschwindet sie in ihrem Zimmer, zieht sich ihren Mantel und ihren Schal aus. Sie fühlt sich durch ihre Kapuze nicht beschützt genug. Das Bedürfnis nach Verstecken ist zu groß. Sie greift nach ihrem Tuch, wickelt es sich um den Hals und zieht es, wie zuvor ihren Schal, bis zur Nasenspitze. Beinahe zufrieden verlässt sie ihr Zimmer und steuert auf den Raucherraum zu und verzieht sich in ihre Ecke. Doch dieses Mal starrt sie nicht in die weiße Landschaft, die noch schöner geworden war als wenige Tage zuvor, wenn sie das nur bemerken könnte, sondern sie starrt auf den Boden vor sich hin. Ihr Nacken fängt vor Anspannung an zu schmerzen. Mit zitternden Händen dreht sie sich eine Zigarette nach der anderen und wehrt Nachfragen mühsam, schweigsam oder einsilbig ab. Sie will nicht reden. Mit niemanden. Außer mit ihm. Nur mit ihm. Sie wünscht sich so sehr, dass er wieder da ist. Es wieder bemerkt und ihr hilft. Doch sie will nicht spazieren gehen. Die Gruppe schwänzt sie. Sie ignoriert die Aufforderung und das penetrante, schweigende Stehenbleiben in der Tür. Sie schweigt und starrt vor sich hin. Immer wieder taucht das Gesicht des Menschen vor ihr auf. Sie will es verdrängen und hat das Gefühl darin zu versinken. Sie fällt in einen Brunnen und versucht noch nicht einmal nach den Sprossen der Leiter zu greifen. Sie möchte, aber ihr fehlt die Kraft.
Es gibt Essen, sie hat Hunger aber keinen Appetit. Eine Weile hält sie es ohne Zigarette aus, doch schließlich dreht sie sich wieder eine. Es ist die zehnte in 30 Minuten. Sie will, dass das Leben ein Film ist. Dass er wieder nachfragt und für sie da ist.
Die Tür schwenkt auf und noch bevor sie ihn wahrnehmen kann, ertönt seine grinsende Stimme unr begrüßt sie mit einem langgezogenen "Hallo".
Sie schaut auf und lächelt ihn mühsam an. Dieses Mal setzt er sich neben sie. Beinahe Schulter an Schulter sitzt sie neben ihm und sie atmet seinen Geruch ein, während er seine Gauloise aus der Hosentasche zieht und sich eine Zigarette ansteckt. Dieses Mal macht er keine Rauchringe.
"Na, wie war die Kunst?" fragt er und schaut sie von der Seite an.
Sie zuckt mit den Schultern. "Nicht besonders gut."
"Wieso?" fragt er. "Haste wieder eine Mauer gemalt?"
Sie schüttelt mit dem Kopf und atmet einmal kurz durch, bevor sie leise antwortet: "Nein, eine schwarze Fratze."
"Mmh." Da ist es wieder. Dieses vertraute Geräusch, so melodiös, als wäre es ein eigenes Instrument, dass sie so lieben gelernt hat.
Eine Pause entsteht. "Willste zocken?" Fragend sieht er sie an. "Dann kommst du auf andere Gedanken."
Sie zögert. Eigentlich hat sie wenig Lust aufzustehen, aber sie nickt.
"Holst du das GameCube?" fragt sie, als er aufgeraucht hat.
"Wo ist das? In deinem Zimmer?"
"Ja, neben meinem Nachtschrank."
Er verschwindet und sie ist dankbar, dass er ihrer Bitte nachkommt. Er schließt es an und verschwindet wieder kurz um einen Dienst zu erledigen. Er bringt ihr Wasser mit, weil sie ihn darum bat.
Mit jeder Runde, die sie fährt, geht es ihr besser. Das Tuch um ihrem Hals verschwindet als erstes. Kurz vor Ende des Rennens streift sie ihre Kapuze nach hinten. Sie kann wieder atmen und lachen.
Als sie danach schweigend nebeneinander sitzen, denkt sie nach. Sie denkt daran, dass er wieder da war. Dass ihr Wunsch sich wieder erfüllt hat. Dass er das getan hat, was sie sich so sehr erhofft hat. Sie hat Angst. Angst davor sich darauf einzulassen. Sich darauf verlassen zu wollen, davon auszugehen, dass er sich das nächste Mal auch um sie kümmert - und dann enttäuscht zu werden, weil er es nicht tut.
Doch in diesem Augenblick will sie einfach nur seine Nähe genießen und ihm dankbar dafür sein, dass er sie schon zum zweiten Mal aus ihrer Kapuze geholfen hat.
16.12.10 21:14
 


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