Teil 1

Morgens um neun wandert sie auf dem geräumten, geschwungenen kleinen Pfad, der durch die Parkanlage, an einem kleines Fluss vorbei führt und von Bänken umsäumt wird.
Sie genießt den Schnee und die Stille, die sich langsam verbreitet. Doch obwohl ihr Herz sich daran erfreut, so erfasst sie dennoch eine tiefe Traurigkeit. Eine Traurigkeit, die neben der Freude bestehen bleibt, die sei bei der Kreativität des Schöpfers empfindet.
"Wie geht es Ihnen?" wird sie wenig später im kuscheligen, warmen Atelier gefragt, während sie ihren Kaffee trinkt und nachdenkt.
Sie muss erst einmal überlegen. Wie geht es ihr denn eigentlich? Sie entscheidet sich für die Wahrheit. "Ich weiß nicht. Einerseits gut, andererseits ziemlich schlecht."
"Dann versuchen Sie doch genau das mal zu malen."
"Das könnte ich tun", sagt sie wenig begeistert und zögerlich. Doch als sie die anderen um sich herum beobachtet, wie diese aus den weißen Blättern bunte Bilder gestalten, seufzt sie leise und steht auf. Pastellkreide wird es heute sein. Sie lässt sich darauf ein und malt drauf los. Eine Mauer aus roten Ziegelsteinen zieht sich wenig später quer über das Blatt. Sie ist überrascht wie gut es ihr gelungen ist. Doch jetzt kommt der schwierige Teil, das weiß sie und Hemmungen befallen sie.

Eine Weile starrt sie das durch die Mauer in zwei Teile getrennte Bild an. Schließlich setzt sie sich wieder hin und zeichnet geschwungene Linien, die sich zu einem Herz formen. Zufrieden sieht sie sich ihr halbes Kunstwerk an. Sie empfindet Freude daran. An den Formen, an den Farben, daran, dass sie es selbst gemalt hat und es ihr dennoch gefällt.
Nach einer Zigarettenpause setzt sie sich an die andere Seite. Sie zögert. Sie will sich nicht mit dieser Seite der Mauer beschäftigen. Nach einem weiteren Kaffee fängt sie an zu malen. Automatisch greift sie nach den schwarzen und grauen Pastelltönen. Mit dem tiefsten Schwarz, das sie finden kann, malt sie die Umrisse eines Herzens, das größer ist als das liebende Herz, aus dem gezackte Linien entspringen und sich verflüchtigen.
Das Kunstwerk vollendet, steht sie auf, sieht sich das Bild aus der Distanz an und wird wütend. Sie verspürt den Wunsch das kräftigste Rot aus der Schachtel zu nehmen und das schwarze, bedrohliche Herz überzumalen, es zu zerstören, es bluten zu sehen.
Wenige Minuten später macht sie sich auf den Rückweg. Es ist der gleiche Weg. Wieder der verschlungene Pfad, wieder die Parkanlage, vorbei an dem Fluss, vorbei an den Bänken. Die Mütze tief in die Stirn gezogen, den Schal bis unter die Nase, hat sie keinen Blick dafür. Ihr fällt es auf und wünscht sich, sie könnte die Schönheit noch bewundern, doch zu viel Wut ist in ihr.
Im Zimmer zieht sie sich etwas anderes an. Ein Pullover mit Kapuze, denn sie braucht diese Kopfbedeckung jetzt. Sie fühlt sich beschützt. Im Raucherraum, in dem sie sich wenig später befindet, sitzen nur wenige Menschen. Keiner spricht sie an, was ihr gefällt. Sie will nicht reden. Aber sie will auch nicht alleine sein. Zitternd greift sie nach ihrer Zigarette und zündet sie an. Ihr Blick richtet sich nach draußen, in die weiße Landschaft vor dem Fenster. Doch im Augenwinkel beobachtet sie ihn. Nur ihm würde sie antworten. Mit ihm würde sie reden. Sie wünscht es sich so sehr. Dass er ankommt und fragt. Sich Gedanken macht. Das Mittagessen kommt und er geht. Eine Frau kommt auf sie zu und will sie berühren, sanft und beruhigend streicheln. Sie dreht sich weg und hält abwehrend ihre Hände nach. "Nicht!" sagt sie abweisend. "Tut mir leid", sagt die Frau, lässt sie zwar los, aber steht immer noch über sie gebeugt neben ihr. "Bitte, geh. Geh weg. Ich ertrag's nicht", sagt sie bestimmt und fühlt Schuldgefühle in ihr hoch steigen.
"Es war doch nur lieb gemeint", sagt die Frau und geht wieder zu ihrem Platz, auf dem sie vorher gesessen hat.
Es tut ihr leid, auch wenn sie die Frau aufgrund ihrer Aufdringlichkeit und Wehleidigkeit nicht sonderlich mag.
"War nicht bös gemeint", sagte sie schnell ohne dabei hochzuschauen.
Zigaretten werden ausgemacht und der Raucherraum leert sich; sie bleibt alleine zurück. Kaum schließt sich die Tür hinter der letzen Person, die auf dem Weg zum Essen ist, spürt sie, wie Tränen herausquellen möchten. Eine tiefe Traurigkeit neben der Wut, steigt hoch und wollen ihre Bahn an der Wange herunter ziehen. Doch sie schluckt sie mühsam hinunter und starrt stur aus dem Fenster. Sie greift nach der dritten Zigarette um sich abzulenken. Gierig zieht sie daran und versinkt mit angezogenen Knien im Stuhl.
Sie macht die Zigarette gerade aus, da öffnet sich die Tür. Aus den Augenwinkeln heraus sieht sie was blaues blitzen. Sein Pullover, der seinen Besitzer mitbringt. Er setzt sich ihr gegenüber und zündet sich seine blaue Gauloise an. Er stößt gekonnte Rauchringe aus und stellt mit einer Frage im Tonfall fest: "Dir geht's heute auch nicht gut."
Sie schüttelt den Kopf. Kann es kaum glauben, dass er sie darauf anspricht. Dass er sie fragt.
"Was ist los?"
Bei der Frage blickt sie ihn kurz an und zögert. "Ich könnte gerade alles kurz und klein schlagen oder heulen"; antwortet sie schließlich. "Hab mich noch nicht entschieden, was ich mache."
"Wieso denn?"
Sie zuckt kaum merklich zusammen. Wie soll sie ihm denn das erklären? Das Bild spiegeln ihre Gefühle des Verliebtseins wider und damit die Gefühle, die sie für ihn empfindet. Sie zögert ein wenig und zieht in Erwägung ihm alles zu erzählen. Ihm zu erzählen, dass sie sich verliebt hat, dass sie gerne in seiner Nähe ist, sich wohler fühlt, wenn er mit im Raum ist, auch wenn sie nicht miteinander reden. Dass sie seine Stimme und Lachen mag, seine Augen und die Art wie er ihren Namen ausspricht und sie anstrahlt.
Doch aus Angst entscheidet sie sich dagegen und weicht aus. "Keine Ahnung." Sie stellt erst hinterher fest, dass es eine Lüge war. Dabei lügt sie doch sonst nie.
Sie zögert. Sie will die Lüge richtig stellen, das macht sie sonst immer, aber sie kann sich nicht dazu überwinden. Stattdessen fügt sie hinzu: "Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll."
"Mmh." Kommt aus seiner Ecke. Das ihr mittlerweile schon so vertraute Geräusch, langsam, gedehnt und beinahe melodiös. "Ich versteh's bestimmt."
"Das stimmt. Das würdest du auf alle Fälle."
Ein kurzes Schweigen breitet sich im Raum aus, in dem sie immer noch alleine mit ihm ist. Die Worte, die aus ihrem Munde kommen, überraschen sie selbst. Sie hat nicht vorgehabt diese Frage zu stellen. "Magst du mit mir gleich spazieren gehen?"
Er guckt sie überlegend an und fasst sich entsetzt an den Kopf. "Meine Haare!" Er streicht über seine 4cm lange Haare. Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht. Sie amüsiert sich über seine Eitelkeit. "Setz dir 'ne Mütze auf", entgegnete sie grinsend.
Er zögert nicht lange. "Okay. Ich rauch noch auf."
Sie nickt zustimmend und greift nach einer weitere Zigarette. Ihr Herz zeugt von Erleichterung. Wenige Sekunden später kommen auch die anderen wieder um ihre Zigarette nach dem Essen zu rauchen.
Nachdem sie ihre Zigarette ausgedrückt hat, greift er nach seiner Wasserflasche, seiner blauen Zigarettenschachtel und steht auf. "Ich zieh mir mir dann meine Jacke an."
"Ich auch", sagt sie.
Wenig später schlurft sie in ihr Zimmer, versucht sich beim Anziehen zu beeilen. So schnell wie es ihr möglich ist, denn ihre Stimmung verhindert Eile bei ihr. Als würde sich die ganze Welt sich immer schneller drehen, während sie sich nur noch im Zeitlupentempo bewegt.
Als sie zum Eingang geht, den Schal wieder bis an die Nase und die Mütze tief ins Gesicht gezogen, wartet er schon auf sie. Er trägt sie im Buch für eine Stunde aus. Es fällt ihm schwer die Länge des Spazierganges vorauszusagen, so als wäre er unsicher.
Gemeinsam verlassen sie das Haus und schlagen den Weg Richtung Wiese, Wald und Fluss ein. Einen Weg, den sie noch nicht kennt.
Nach wenigen Meter sagt er: "Na dann, erzähl mal. Was ist los?"
Sie zögert. Sie ist immer noch im gleichen Dilemma wie kurz zuvor im Raucherraum aber sie spürt, dass sie es ihm nicht sagen kann. Noch nicht. Unsicher greift sie nach ihrem Tabak um sich eine Zigarete zu drehen.
Er zieht seine Gauloise aus der Jackentasche: "Ach komm, nimm eine von mir."
"Danke", sagt sie leise und bleibt kurz stehen um sich die Zigarette anzuzünden. "Ich bin einfach nur wütend auf mich selbst", antwortet sie schließlich. "Manchmal kommt einfach alles hoch. Dieser ganze Selbsthass und Selbstzweifel und dann könnt ich auf alles und jeden einschlagen, selbst auf Leute, die mir gar nichts getan haben."
Sie kann es nicht fassen. Während sie durch die verschneite Landschaft gehen, sich unterhalten, sich gegenseitig von ihren Problemen erzählen und so viele Gemeinsamkeiten entdecken, kurz am Fluss stehen bleiben um die Enten zu beobachten, er Mitleid mit der Ente bekundet, deren Zunge aus dem Schnabel hängt, als wäre sie zu nichts mehr zu gebrauchen kann sie nicht glauben, dass er tatsächlich da ist für sie. Er, dem es selbst nicht gut geht, der sich dann von Menschen zurück zieht, sich in seine Bücher verkriecht, im Haus nur mit Kapuze auf dem Kopf herum läuft und allen aus dem Weg geht - sie eingeschlossen. Aber das, was sie sich erhofft hat, hat er getan.
"Ich werde dich vermissen", sagt sie, als er erzählt, dass er das Haus wechseln wird.
Er scheint damit nicht viel anfangen zu können. Zuneigung nicht zulassen zu können.
Er zögert kurz. "Ich komm euch ja besuchen."
Als sie wenig später wieder zurück sind, trägt er die beiden wieder ein. Sie würde sich gerne bei ihm bedanken. Aber die Worte wollen nicht über ihre Lippen kommen. Sie hofft, dass er es weiß. Dass er weiß, dass ihr der Spaziergang und das Gespräch gut getan hat. Dass sie an diesem Tag nicht mehr mit Kapuze rumlaufen muss. Sie hofft darauf, dass er einfach weiß, was sie für ihn empfindet. Dass ohne große Worte das geheime und zarte Band der Verbindung wächst und eines Tages so stark wird, dass sie sich dessen nicht mehr widersetzen können. Dass die Angst davor keine Rolle mehr spielt, dass die Vergangenheit verschwindet und nur noch das jetzt und heute gilt.
15.12.10 10:49
 


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